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Eine Liebeserklärung an Pappe

Eine Liebeserklärung an Pappe

Eine Liebeserklärung an Pappe

Auf der Liste der nutzlosen Superkräfte steht wohl diese ganz oben: Die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen; aber nur dann, wenn niemand hinsieht! Zu bewundern war dies in der 1999 erschienen Superhelden-Parodie Mystery Man. Der Dramaturgie dieser Filme folgend findet sich natürlich dennoch der eine Fall, in dem diese Fähigkeit sinnvoll zum Einsatz kommt und so die Geschichte nach vorn bringt. Als ich den Film damals in den USA das erste mal sah, da wußte ich noch nicht, daß auch ich einmal über diese Fähigkeit verfügen würde … über eine Superkraft, die nur dann super ist, wenn niemand hinschaut.

Seien Sie tapfer, lieber Leser, denn nun kommt der unvermeidliche Teil in diesem Beitrag, der sich damit beschäftigt, den Bogen zwischen Superkraft und Pappe zu schlagen. Pappe! Schon der Name verheißt dem Laien – und Laien sind wir ja alle irgendwo – nichts gutes. Pappe sagt uns: Vorsicht! Es ist ein Werkstoff, der sein trauriges Dasein auf der Rückseite von College-Blöcken oder als Transportbehältnis für Milchtüten fristet. Quasi nach hinten verbannt ist sie die Königin der Rückseite, die Erste der Letzten, der unschöne Rest, aus dem Architekturstudenten mit grimmigem Lachen bedrohliche Baudystopien schmieden, die sie später einmal als moderne Architektur verkaufen werden. Die Pappe, das sagt uns unser Verstand, ist wie ein Junkie auf Entzug, dem wir unsere Geldbörse anvertrauen sollen. Wir wissen instinktiv, wir dürfen ihr nicht trauen! „MILCHKARTON! Bleib’ da, wo ich dich sehen kann!“ rufen wir ihr zu. Doch Pappe ist wie eine Katze; sie ist einfach da. Doch wie ist das gemeint?

Der MC 205 trägt 400 kg und besteht lediglich aus ineinander gesteckten Industriekartonagen

Pappe ist ein fast 800 Jahre altes Material und findet als Industriewerkstoff Anwendung in vielen Gebieten, wo wir sie nicht gleich vermuten. In den meisten Innentüren ist sie verbaut, in Bodensystemen(!), im Leichtbau. In zahlreichen Möbeln ist sie Trägermaterial, in Wänden findet man sie. In einem Rennruderboot des Weltruderverbandes FISA ist sie der Kern. Und wer sich einmal gefragt hat, warum in fast jedem Auto die Klappe zum Reserverad im Kofferraum so leicht ist: Auch hier ist Pappe im Einsatz.

Wer es bis hierher geschafft hat, den beglückwünsche ich! Schließlich ist das Thema nicht sehr sexy. Und darum möchte ich auch nicht in epischer Breite auf Feinheiten eingehen. Etwa die Unterscheidung der verschiedenen Arten, oder warum Pappe sogar mehrere Tonnen Last tragen kann, warum Brandschutz heute kein Problem mehr ist oder es sie auch mit Oberflächen gibt, die so hochwertig sind, dass man sie von vielen anderen Werkstoffen nicht mehr unterscheiden kann. Nur eines will ich nachdrücklich sagen: Pappe ist nicht nur leicht und sehr stabil, sie ist auch preiswert, ökologisch (in Deutschland ist sie immer ein Recyclingmaterial!) und sie lässt sich kostengünstig verarbeiten.

Erinnern Sie sich noch an die grimmigen Studenten? Sicher tun Sie das. Bestimmt haben Sie schon selbst hin und wieder das eine oder andere architektonische Kleinod bewundert und sich gefragt, aus welcher Waffenschmiede der Entwerfer wohl stammen möge; oder ob sich vor Ihnen die bauliche Manifestation böser Flüche offenbart.

Ich bin selbst Architekt. Ich liebe mein Handwerk und schätze die meisten meiner Kollegen. Und daher fühle ich mich berufen, an dieser Stelle einmal zu sagen: Viele Bauten unterliegen dem Kostendruck. Und wie immer man zur Betriebswirtschaftlehre stehen mag, man wird ihr selten attestieren können, dass sie die Mutter der Ästhetik ist. Oder auch nur weiß, in welchem Ordner sie die Ästhetik abgeheftet hat. Aber der Kostendruck bringt Zwänge mit sich. Dieser Zwang ist auch eine Katze!

Also sparen wir, wir Architekten, für unsere Bauherren, also für Sie. Und daher setzen wir Materialien ein, wie etwa die Pappe. In den Wänden, den Böden, den Autos usw. Aber wir verstecken sie, machen sie unsichtbar. Das ist unsere Superkraft! Und so – und das tun Sie vollkommen zurecht – halten Sie sich zwar vom Milchkarton als ästhetisches Mittel fern, doch wohnen Sie vielleicht in einem. Einem hochwertigen und möglicherweise sogar sehr eindrucksvollem! Und das ist nicht halb so schlimm, wie es vielleicht klingt. Das ist sogar sehr gut. Denn so sind Dinge machbar. Das ist ökologisch, nachhaltig und fortschrittlich. Oder kurz gesagt: es ist richtig!

Danken Sie doch einfach das nächste Mal beim Einkaufen daran, wenn im Supermarkt Ihrer Wahl die Kartonagen zu sehen sind, dass hier ein Material zum Einsatz kommt, verfeinert von zahllosen Ingenieuren und Fachleuten, dazu da, unser Leben etwas angenehmer zu machen. Und wenn sie einmal einen Messestand oder einen Ausbau aus Pappe sehen, dann enttarnen Sie seine Superkraft. Lassen Sie ihn nicht mehr unsichtbar sein. Schauen Sie hin, dann wird er sich Ihnen offenbaren. Und seien Sie dann nicht skeptisch, sondern lassen Sie sich ruhig faszinieren von dem, was möglich ist. Von einem wunderbaren Werkstoff, der wie so vieles im Leben mehr ist als das, was man auf den ersten Blick zu erkennen glaubt.

Ihr Maximilian Hansen

Maximilian Hansen

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